Aus dem Takt

Manchmal hört oder liest man den Begriff, das Pferd geht „taktunrein“. Was bedeutet das eigentlich?

Geht man nach den Richtlinien der FN und schaut in die Ausbildungsskala, wo der Takt die erste der sechs elementar wichtigen Säulen der Pferdeausbildung darstellt, wird Takt als „das zeitliche und räumliche Gleichmaß in den drei Grundgangarten in Schritten, Tritten und Sprüngen“ definiert.

Jede Gangart hat dabei ihren eigenen Rhythmus, d.h. der Schritt ist ein Viertakt, der Trab ein Zweitakt und der Galopp ein Dreitakt.

Taktunrein geht ein Pferd, wenn der natürliche Rhythmus der jeweiligen Gangart gestört ist und die Fußfolge des Pferdes nicht mehr mit der jeweiligen Grundgangart übereinstimmt.

Oft zeigen erst Standbilder diesen Fehler. Um ernsthaft beurteilen zu können, ob es sich um eine Momentaufnahme oder ein dauerhaftes Problem oder gar falsches Training handelt, lohnt es sich, mehrere Sequenzen zu betrachten und nicht nur ein einziges Bild.

 

Der Schritt

Der Schritt ist eine schreitende Bewegung ohne Schwebephase, bei der jedes Bein diagonal-lateral einzeln bewegt wird. Zwei Beine machen also nie synchron diesselbe Bewegung. Die Fußfolge wäre vorne links – hinten rechts – vorne rechts – hinten links.

Bei einem guten Schritt bilden das Vorder- und Hinterbein derselben Seite ein deutlich sichtbares V, in dem Moment, wenn das Hinterbein kurz vorm Auffußen- und das gleichseitige Vorderbein kurz vorm Abheben ist.

Hier ist das V klar zu erkennen, das sich bei einem taktklaren Schritt abwechselnd auf beiden Seiten bildet. Copyright: Arlette Magiera

Ist das nicht der Fall und hat der Schritt die Tendenz, dass die gleichseitigen Beine ihre Bewegung angleichen, spricht man von passartigem oder passverschobenem Schritt. Bewegen sich beide gleichseitigen Beine völlig synchron, geht das Pferd Pass.

Was beim Gangpferd vielleicht erwünscht ist (zB im Rennpass), ist bei einem dreigängigen Pferd absolut fehlerhaft.

Gründe für eine solche Taktverschiebung sind

  • ein verspannter Rücken, der nicht (mehr) locker in der Bewegung mitschwingen kann oder allgemein mangelhafte physische Losgelassenheit;
  • mangelnde psychische Losgelassenheit;
  • zu deutliche Zügeleinwirkung;
  • unphysiologische Kopf-Hals-Position des Pferdes (absolute Aufrichtung, zu kurzes Zügelmaß, Überzäumung);
  • falsch gewähltes Tempo (zu eilig oder der Versuch zu starker Versammlung).

Um den Schritt taktrein zu halten, ist es daher wichtig, die Anforderung der Situation und dem Pferd individuell anzupassen. Der Pferdehals macht im Schritt bei jedem Vorfußen eines Vorderbeins eine deutliche Nickbewegung. Fehlt diese, kann der Rücken nicht locker sein. Das Pferd hält dann vielmehr seinen Hals mechanisch fest und bewegt nur noch seine Beine, ohne den gesamten Rumpf in die Bewegung zu integrieren. Die Zügellänge muss diese Nickbewegung daher unbedingt zulassen. Auch muss das Tempo zum jeweiligen Pferd passen. Erst wenn im Wohlfühltempo des Pferdes ein guter Schritttakt erreicht ist, kann man versuchen, die Schrittlänge zu variieren, die Schritte also zu verkürzen oder zu verlängern. Gehen dabei die schreitende Bewegung und der klare Viertakt verloren, passt das Tempo nicht mehr zur momentanen Fähigkeit des Pferdes.

Hat das Pferd sich ersteinmal eine Passtendenz angewöhnt, ist es schwer und mühsam, diese wieder zu korrigieren.

Der Trab

Im Trab bewegt sich das Pferd mit diagonaler Fußfolge im Zweitakt, d.h. das rechte Vorderbein bewegt sich synchron mit dem linken Hinterbein nach vorne ebenso wie das linke Vorderbein synchron mit dem rechten Hinterbein. Dazwischen liegt eine je nach Pferd mehr oder weniger deutliche Schwebephase.

Taktreiner Trab. Die diagonalen Beine sind parallel und die diagonalen Hufe setzen synchron auf dem Boden auf. Copyright: Arlette Magiera

Taktunrein ist der Trab, wenn die diagonale Synchronität nicht mehr eingehalten wird.

Im Extremfall bewegen sich die diagonalen Beinpaare dann nicht mehr parallel, d.h. der Unterarm des Vorderbeins wird nicht mehr parallel zur Röhre des diagonalen Hinterbeins geführt.

Jedoch kann auch bei vorhandener Parallelität von Unterarm und diagonaler Röhre eine Taktverschiebung vorliegen – nämlich dann, wenn ein Vorderbein bereits beginnt aufzufußen oder immernoch auf dem Boden ist, während das diagonale Hinterbein noch oder schon wieder in der Luft ist, oder ein Hinterbein bereits Bodenkontakt hat, während das diagonale Vorderbein noch in der Luft ist.

Die erste, deutlich häufiger auftretende Variante einer Taktversschiebung, bei der das Vorderbein einer Diagonalen zuerst aufsetzt oder später als das Hinterbein wieder abhebt, kann man gerade bei beschlagenen Pferden deutlich hören, wenn das Pferd sich geräuschvoll mit den Hintereisen in die Eisen der Vorderbeine greift. Häufig kommt es hierbei auch zu Ballentritten oder anderen Verletzungen der Vorderbeine, wenn kein Beinschutz getragen wird. Auslöser für diesen Taktfehler ist die Voderhandlastigkeit des Pferdes.

Taktverschiebung – wegen zu hohem Tempo verschiebt sich das Pferd auf die Vorhand. Der linke Vorderhuf steht noch auf dem Boden, während der rechte Hinterhuf schon abhebt. Zwar sind die diagonalen Beine noch parallel, jedoch die Bewegung der Hufe nicht mehr synchron. Copyright: Arlette Magiera

Zunächst einmal ist jedes Pferd von Natur aus vorderhandlastig, lastet also mit mehr Gewicht auf der Vorhand als auf der Hinterhand. Dies allein begründet meistens jedoch noch keine Taktstörung. Denn dann könnte sich so gut wie kein Pferd taktklar im Trab fortbewegen. Es müssen vielmehr noch weitere Umstände hinzukommen.

Als solche kommen in Frage:

  • unpassendes Tempo (zu schnell oder zu langsam);
  • zu tiefe Kopf-Hals-Position (falsches Vorwärts-abwärts);
  • anatomisch sehr ausgeprägte Vorderhandlastigkeit (überbautes Pferd);
  • unpassender, nach vorn rutschender Sattel;
  • spezielle Rassen (Kutschpferdetypen, Kaltblüter);
  • Pferde mit stark ausgeprägter Schubkraft.

Um beim Reiten nicht noch mehr Gewicht Richtung Vorhand zu verschieben und den beschriebenen Taktfehler zu provozieren, muss man also ein zum Pferd passendes Tempo bei angemessener Kopf-Hals-Position wählen. Ein effektives Training sollte zum Ziel haben, die Lastaufnahme der Hinterhand zu verstärken, um das Pferd zu befähigen, seine Vorhand mehr anzuheben und damit zu entlasten. Je mehr sich die Tragkraft der Hinterhand verbessert umso eher wird dieser Taktfehler verschwinden.

Deutlich seltener kann man im Trab eine Taktveschiebung in der Hinterhand beobachten, bei der das Hinterbein des Pferdes vor dem diagonalen Vorderbein auf dem Boden auffußt.

Taktverschiebung in der Hinterhand. Der linke Hinterhuf hat schon fast Bodenkontakt, während der rechte Vorderhuf noch in der Luft ist. Die Lendenpartie und die Hinterhandgelenke sind nicht locker, das Becken nicht ausreichend abgekippt. Copyright: Arlette Magiera

Grund hierfür ist nicht die Vorderhandlastigkeit, sondern eine starke Verspannung im Bereich der Lendenpartie, kurz hinter der Sattellage. Diese bewirkt, dass das Hinterbein nicht locker nach vorne fußen kann, sondern aufgrund der steif gemachten Gelenke im Vergleich zum Vorderbein etwas verkürzt tritt und daher früher als das zugehörige Vorderbein landet. Keinesfalls ist das ein Zeichen für vermehrte Aktivität oder Lastaufnahme der Hinterhand.

Ursache hierfür:

  • kein korrektes über den Rücken arbeiten;
  • zu hohes Tempo;
  • unpassender Sattel (zuviel Druck im hinteren Rückenbereich).

Taktverschiebung in der Hinterhand. Das linke Hinterbein fußt früher als das rechte Vorderbein auf. Das Tempo ist viel zu hoch. Copyright: Arlette Magiera

Bei diesem Taktfehler muss besonderes Augenmerk auf die Lösungsphase gelegt werden, bei der das Pferd losgelassen und mit aufgewölbtem Rücken gehen kann.

Korrekter Trab mit diagonaler Fußfolge. Vorne rechts und hinten links werden zeitgleich auffußen. Copyright: Arlette Magiera

Der Galopp

Der Galopp ist eine gesprungene Gangart im Dreitakt.

Je nach Fußfolge unterscheidet man Links- und Rechtsgalopp, je nachdem, welches gleichseitige Beinpaar die weitere Bewegung nach vorne ausführt.

Beim Rechtsgalopp ist die Fußfolge hinten links – gleichzeitig hinten rechts mit vorne links – vorne rechts – Schwebephase.

Im Linksgalopp ist die Fußfolge entsprechend hinten rechts – gleichzeitig hinten links mit vorne rechts – vorne links – Schwebephase.

Linksgalopp – Das diagonale Beinpaar hinten links / vorne rechts bewegt sich synchron. Copyright: Arlette Magiera

Taktfehler im Galopp entstehen, wenn das diagonale Beinpaar nicht mehr synchron auffußt, sondern hintereinander. Es entsteht ein Vierschlag.

Kommt das Vorderbein zuerst auf den Boden, ist hierfür – ähnlich wie beim Trab – die Vorderhandlastigkeit der Grund. Die Hinterhand springt nicht genug nach vorn unter den Schwerpunkt und nimmt zu wenig Last auf. So kann die Vorhand nicht genug angehoben werden und das Pferd wird dort zu schwer.

Taktverschiebung im Galopp Richtung Vorhand. Das rechte Vorderbein wird vor dem linken Hinterbein landen. Copyright: Arlette Magiera

Gründe hierfür sind:

  • inaktive Hinterhand mit steifen Gelenken
  • behindernder Reitersitz
  • zu niedriges Tempo

Diese Taktverschiebung kann man gut hören. Der Rhythmus hört sich an wie „Kartoffel- Kartoffel-Kartoffel“.

Kommt es zu einem solchen gelaufenen flachen Galopp, sollte man die Hinterhand durch frisches Vorwärtsreiten aktivieren und dann die Biegsamkeit der Gelenke der Hinterbeine durch viele kurze Tempounterschiede erhöhen.

Der Reiter sollte darauf achten, nicht mit beiden Hüftseiten gleichmäßig zu schieben („Sattelauswischen“), sondern mit der inneren Hüfte bewusst groß zu galoppieren. Denn die inneren Beine des Pferdes machen, wie zuvor erwähnt die weitere Bewegung und bewegen sich damit anders als die äußeren Beine. Dem muss der Reiter mit seinem Sitz Rechnung tragen.

Landet hingegen das Hinterbein der synchronen Diagonalen vor dem Vorderbein, deutet dies auf vermehrte Lastaufnahme der Hinterhand hin.

Galopp mit Lastverschiebung nach hinten. Das linke Hinterbein wird vor dem rechten Vorderbein landen. Da das linke Hinterbein weit Richtung Schwerpunkt fußt, kann es den Rumpf des Pferdes anheben. Copyright: Arlette Magiera

Durch starkes Beugen der Hinterbeine kann das Pferd die Vorhand etwas länger in der Luft halten. Was bei Vertretern der klassischen Reiterei als Schulgalopp bezeichnet wird und ausdrücklich erwünscht ist, ist auf dem Turnier nicht gern gesehen, da hier die reinen Gänge gezeigt werden sollen. Jedoch sieht man diese Taktverschiebung auch auf dem Turnier in sauber gesprungenen Pirouetten.

Taktverschiebung Richtung Hinterhand. Das linke Hinterbein wird deutlich vor dem rechten Vorderbein landen. Der Galopp hat deutliche Bergauf-Tendenz. Copyright: Arlette Magiera

 

Weitere Taktverschiebungen

Im Schritt und Trab kann es vorkommen, dass ein Vorder- oder Hinterbein kürzer tritt als das andere. Das Pferd tritt kurz-lang ohne dass eine medizinische Ursache im Sinne einer Lahmheit vorliegt.

Hierfür ist eine zu starke Vorderhandlastigkeit in Kombination mit einer ausgeprägten Händigkeit die Ursache, bei der das Pferd sein Gewicht vermehrt auf einem Vorderbein abstützt. Bedingt durch diese Händigkeit hat das Pferd das Bestreben, sein händiges Vorderbein so lange wie möglich am Boden zu belassen und so schnell wie möglich wieder aufzusetzen. So kann es auf diesem Bein am besten Gewicht abstützen. Der Bewegungsbogen dieses Beins ist verkürzt und wird durch Kurztreten sichtbar. Ähnliches kann man bei einem Menschen beobachten, der einen Krückstock benutzt. Die Seite, auf der er die Krücke nutzt, wird sich ebenfalls verkürzt bewegen. Tritt hingegen ein Hinterbein der händigen Seite kürzer, geschieht das, weil das gleichseitige Vorderbein zu lang am Boden und dem Hinterbein den Weg nach vorne „versperrt“. Das Hinterbein kann dann nur ausweichen oder verkürzt treten.

Taktverschiebung auf die Vorhand. Das rechte Vorderbein steht noch am Boden, das linke Hinterbein ist schon fast in der Luft. Das rechte Hinterbein kann nicht gerade nach vorne fußen, da das rechte Vorderbein im Weg ist und weicht nach innen aus. Die Kopf-Hals-Position ist etwas zu tief, daher verliert das Pferd den Takt. Copyright: Arlette Magiera

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